Die Kinder und der Krieg

Titel:
Die Kinder und der Krieg

Autor:

Eduard Golias (14. Februar 1892 in Olmütz, Mähren - 28. Juli 1947 in Wien, Österreich)
Politische Bedeutung:

Nicht bekannt.

Perspektive:
Kriegserlebnis:

Nicht bekannt.

Vorkommen von autobiographischen Elementen im Text:

Da es sich um ein Essay handelt, lassen sich die in ihm vertretenen Ansichten als identisch mit den Ansichten des Autors betrachten.

Bibliographie

Die Kinder und der Krieg
Erscheinungsjahr, Auflage:
1915, Erweiterter Sonderabdruck aus der „Zeitschrift für das österreichische Volksschulwesen“
Verlag, Ort:
Buchdruckerei G. Freytag GmbH., Wien
Seitenzahl:
22 S.
Gattung:
Epik
Darstellungstyp:

Essay.

Paratexte:

Keine.

Struktur:

Formale Charakteristik des Werkes:

Der Verfasser des Textes bespricht das Thema des Krieges und seiner Einwirkungen auf Kinder, wobei sein Standpunkt und seine Meinung im Vordergrund stehen; berichtet wird in der 1. Person Sg. Es werden manche Positionen anderer Autoren aufgegriffen und im Text zitiert. Die Zitate sind abgegrenzt und durch entsprechende Quellenangaben ergänzt. Das Essay enthält keine Zwischenüberschriften, wird aber inhaltlich  klar gegliedert und aufgebaut.

Eingliederung von Dokumenten / Medien / Bilder:

Ja; Reproduktionen von Kinderzeichnungen aus der nicht näher konkretisierten Schule Richard Rothes. Im Essay eine Beschreibung der abgedruckten Bilder vorhanden; außerdem Eingliederung von Kindergedichten, die über den Krieg handeln.

Raum:

Geographischer Raum:

Der Verfasser war wahrscheinlich als Schuldirektor und Lehrer in Wien tätig und schildert die Welt der Kinder in Österreich.

Umfang des Spielraumes:

Hinterland.

Zeit:

Der Verfasser bezieht sich auf das Entstehungsjahr des Essays, welches 1915 erschien, die Geltung lässt sich aber allgemein auf die Kriegszeit beziehen.

Den thematischen Schwerpunkt des Essays stellt die Kindheit dar, die ausführlich charakterisiert wird, wobei v. a. die Psychoanalyse Freuds eine sehr begeisterte Aufnahme beim Autor findet. Ausführlich werden die einzelnen Unterschiede zwischen Mädchen und Knaben aufgelistet. Der Autor geht auf die Auswirkungen des Krieges auf das psychische Leben der Kinder ein.

Fremdenbilder:

Feindbild:

Die offiziellen Kriegsfeinde werden erstens aus der Sicht der Kinder und zweitens des Verfassers geschildert. Die Wahrnehmung der Feinde aus der Position des Kindes ist natürlich stark durch das Erzählen der Erwachsene beeinflusst, die kindliche Bewertung der Situation vereinfachend und beides stimmt mit der patriotischen Anschauung des Textes überein.

„Unsere Feinde. Wir haben viele Feinde. Wir kämpfen mit den Serben und den Russen und den Franzosen und Engländern. Uns helfen nur die Deutschen und die hauen tüchtig drein. Das ist keine Kunst so viele auf einen. Das ist eine Feigheit. Aber der Onkel, der was schon gegen die Bosniaken gekämpft hat, sagt immer, wir werden schon siegen. Der erzählt immer so schöne Geschichten und hat mir ein Baianet aus Holz gemacht. Die Franzosen in Belgien haben Schläge bekommen. Wir Österreicher haben den Deutschen bei die Festungen geholfen mit unsere Kanonen. In der Zeitung steht, daß die Deutschen auch so große Kanonen haben die 42 Mörser. Wenn die schießen fallt eine ganze Festung um. Die Kosaken sind feig. Wir haben schon viele gefangen. Die Mutter sagt immer auf die Nacht, wir sollen beten, damit der Krieg bald zu Ende ist und der Vater und der Onkel wieder gesund nach Hause kommen. Wir werden schon siegen!“ (S. 11)

Vom Verfasser wird eine Kritik auf die scheinbar humanistische Werte der verfeindeten Nationen ausgeübt, die sich jedoch im Krieg genauso wie Deutschland und Österreich-Ungarn um Eigengewinn bemühen und die gleichen Mittel zum Kampf anwenden, die mit den erwähnten Werten im Widerspruch stehen.

„Die affektive Anteilnahme an den kriegerischen Ereignissen ist ein Schwanken zwischen auflodernder Kriegsbeteiligung und sentimentaler Friedenssehnsucht. Haß und Widerwillen empfinden wir gegen unsere Feinde, die sich so viel auf Zivilisation und Humanität, Rußland und Serbien wohl ausgenommen, zugute tun. Menschlichkeit, Recht, Zivilisation, Worte, die unsere Feinde ständig im Munde führen, erwiesen sich als Phantome, deren man sich, wenn es den eigenen Vorteil bedingt, entledigt. Bei mir spielt noch eine begreifliche, durch meine eigene körperliche Schwächlichkeit natürlich bedingte Abneigung gegen rohe Gewalt mit, die mit der Bewunderung physischer Kraftleistung abwechselt. Die Freude an Niederlagen, an Elend und Not des Feindes gerät in Widerspruch mit dem allgemein menschlichen Empfinden.“ (S. 9)

Freundbild:

In den Kindern wird v.a. eine völlig idealisierende Liebe zum Vaterlande und Patriotismus sowie jegliche Versuche unterstützt, dem Vaterlande (den österreichischen Soldaten) auf irgendeine Art und Weise helfen. Die negativen Seiten des Krieges bleiben dagegen mehr oder weniger unangesprochen.

„Ich denke an wirkliche Heldentaten, wo günstige Gelegenheit, flammende Begeisterung die kindliche Kraft verzehnfacht.

Zeitungsberichte künden uns fast alltäglich von solchen Heldentaten der Kinder. Aus der Fülle nur einige:

Der fünfzehnjährige Schüler Alfons Koeberle rettet zwei Offizieren auf dem westlichen Kriegsschauplatz das Leben, gerät in französische Gefangenschaft. Es gelingt ihm, sich zu befreien, und er kehrt mit acht erbeuteten Gewehren zurück. Das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse ist der Lohn seines kühnen Streiches.“ (S.14)

„... So verwirklichen die Verhältnisse oft den Kindern ihre kühnsten Träume. Das Bewußtsein, mittun zu können, die glühende Begeisterung verdoppelt ihre schwachen Kräfte, läßt sie spielend zu Helden werden.

Man braucht nur die Hilfsbereitschaft und emsige Tätigkeit der kleinen „Pfadfinder“ bei dem Haussammeldienst, beim „Sammelwagen“, der durch die Straßen fährt und Gaben für unsere wackeren, pflichtgetreuen Soldaten aufnimmt, zu beobachten und wird feststellen können, daß sie Leistungen vollbringen, die man den kleinen Kerl nie zugetraut hätte. (S.15)“

„‚Bitte, Herr Lehrer, mein Vater ist gestern eingerückt, ‘ erzählt der Müller. ‚Bitte, der meine auch! ‘ schallt es durcheinander. ‚Mein Vater, ‘ berichtet der Huber, ‚hat müssen gleich am Anfang einrücken. Er ist ein Korporal, mit die zwei Sterne, so einer ist er. ‘ Und nun plaudern wir von der Wehrpflicht, von aktiver Mannschaft, Reserve, Ersatzreserve, Landwehr, gedientem und nicht gedientem Landsturm. ‚Mein Vater ist bei die Dragoner! ‘ – ‚Der meine bei die Kaiserjäger! ‘ – ‚Meiner ist bei den großen Kanonen. ‘ Von selbst ergibt sich die Besprechung über Waffengattungen, ihre Verwendung usw.“ (S.15)

Zivilbevölkerung:

Die im Text beschriebene Zivilbevölkerung fasst lediglich die Welt der Kinder um, die zwar unter dem Einrücken ihrer Familienmitglieder einigermaßen psychisch leiden, zeigen aber umso mehr Interesse an dem Krieg, den sie, durch die nationalistisch und das Vaterland verherrlichenden Informationen der Erwachsenen beeinflusst, attraktiv und als eine Art Spiel wahrnehmen.

„Die Kinder und der Krieg. Welche bizarre, einen scheinbaren Widerspruch beinhaltende Zusammenstellung! Einen scheinbaren Widerspruch; denn unsere Jungen kennen kein ihrem inneren Wesen mehr entsprechendes Spiel als gerade das „Kriegsspiel“. Und dieses wird in diesen Tagen zum Verdruß und Ärger mancher Eltern eifrig gepflogen.

Die Bedeutung des Spieles im kindlichen Leben ist ja allgemein bekannt, als daß hier näher darauf eingegangen werden müßte: Es zäht zu den vitalen Bedingungen des Kindes. Das Spiel ist die „zweite Welt“ des Kindes, in der es die erwachenden Kräfte spielen, das heißt üben, betätigen kann.“ (S.5)

„... Und bei Unterrichtsschluß, als es hieß: „Anziehen und Antreten!“ da warfen sie mit kräftigem Schwung ihre Rucksäcke und Schultaschen auf den Rücken. Daß sind ihre Tornister. Und ich hätte ihre Rock- und Hosensäcke nicht untersuchen wollen, eine ganze Waffensammlung hätte ich mir anlegen können: Kinderpistolen in verschiedener Größe, primitive Bajonette aus Holz, Signalpfeifchen und anderes.

Vom Spiel zur Wirklichkeit ist für das Kind nur ein Schrittchen. Es wächst gleichsam aus der Welt seiner Phantasie in die Welt der Realität.“ (S. 14)

Intertextualität:

Hinweise auf Zeitungsartikel und Essays mit ähnlicher Thematik, auf die in diesen angeführten Zitate und Paraphrasen (z.B. von  Max v. Millenkowich-Morold, Dr. Wilhelm Steckel, Richard Rothe, Sigmund Freud usw.); Zitate mancher Zeitungsberichte über Heldentaten der Kinder (ohne Quellenangaben).

„Dr. Otto Katz teilt in der „Berliner Klinischen Wochenschrift“ seine Beobachtungen über die auffallende Häufung sonst vereinzelt auftretender nervöser, psychischer Störungen bei Kindern während der Kriegszeit mit. Diese äußern sich vornehmlich in „Angstzuständen“, deren krankhaftes Bild fast den bei Erwachsenen beobachteten abnormen Zuständen gleich. ...“ (S.11)

„Dr. Wilhelm Steckel schreibt in einem Feuilleton: „Das Geheimnis des Schlafes“ (N. W. T., Nr. 44, vom 13. Februar 1915): „Es gibt Kranke, die einschlafen und dann plötzlich erwachen ...“ (S. 9)

Einstellung zum Krieg:

Der Verfasser sieht die negativen Seiten des Krieges durchaus ein, im Grunde bedeutet der Krieg für ihn jedoch eine Gelegenheit, die Menschen für eine bessere Zukunft vorzubereiten. Seine Sicht lässt sich als national orientiert bezeichnen.

In einem leicht ironischen Ton werden pazifistische Weltanschauung als eine „Utopie, die auf einer falschen Wertung und Einschätzung des menschlichen Wesens beruhte“ (S. 3) abgelehnt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern sowie der menschliche Charakter an sich bedingen einen dauernden Kampf ums Dasein.

Die Friedensapostel haben eine empfindliche Widerlegung ihrer sicher ethisch bedeutsamen Ideen erfahren. Ihre Bestrebungen haben sich als innerlich haltlos erwiesen, als eine Utopie, die auf einer falschen Wertung und Einschätzung menschlichen Wesens beruhte. Solange der Mensch Mensch ist, solange soziale und nationale Gegensätze bestehen, solange ist kaum zu erwarten, daß je einmal die Menschheit reinen Herzens und mit ehrlichem Willen an dem Friedenswerke bauen werde.“ S. 3.

Der Verfasser kritisiert den Krieg für seine Grausamkeit und Brutalität und v. a. dafür, dass vieles, was lange und langsam aufgebaut wurde, nun in einem Augenblick zerstört wird. Kritisch gesehen wird auch die Anwendung industrieller und wissenschaftlicher Errungenschaften als Kriegsmittel. Die Grausamkeit der Kriegsmaschinerie sei umso schlimmer, da sie noch kurz vor dem Kriegsausbruch unvorstellbar war.

Millionen und Abermillionen ringen auf blutigen Schlachtfeldern, zerfetzen sich gegenseitig in wilder Kampflust, Werke des Friedens, an denen der Schweiß jahrelanger harter Arbeit klebt, vernichtet ein Kanonenschuß, der Pflug, der Hammer, die Feder wird mit der todbringender Waffe vertausch, und was Menschengeist der Natur abgelauscht, in Friedensjahren ersonnen und erdacht hat, die Errungenschaften des ernsten Forschens und rastoloser Arbeit, sie dienen jetzt dem Vernichtungswerke.“ S. 3.

Trotz seiner verheerenden Auswirkungen bringt der Krieg dem Verfasser nach grundsätzlich positive Veränderungen, da er die negativen Eigenschaften des Friedenszeitalters („Schwäche“, „Kleinlichkeit“, „fremde Elemente“ in der Kultur, S. 4) beseitigt und in den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen Volk erweckt. Das gemeinsame Streben nach dem Sieg wird als Möglichkeit zur Identifizierung mit eigenem Volk, zur Vereinheitlichung des Staates und nicht zuletzt zur Behebung sozialer Gegensätze gesehen. Der Krieg an sich soll dann als eine Art Prüfstein der einzelnen Völker dienen, da nur die moralisch intakten sowie ökonomisch starken Staaten aus ihm als Sieger gehen können.

Im Vordergrund des Textes stehen die Kinder und ihre Wahrnehmung des Krieges. Der Krieg spielt in ihrem Leben eine wichtige Rolle, sie interessieren sich für Informationen aus der Front und nutzen diese als eine unerschöpfliche Quelle eigener Phantasie. Diese durch die Erwachsenen vermittelte Informationen sollen hauptsächlich zur Unterstützung des Nationalbewusstseins bei den Kindern dienen und somit.

Sinnangebote:

Krieg als Mittel zur nationalbewussten Erziehung neuer Generationen und zur Stärkung des Gefühls der Zugehörigkeit zum eigenen Volk.